Was die Rentenlücke überhaupt ist
Das deutsche Rentensystem funktioniert mit Entgeltpunkten. Jedes Jahr, in dem ihr arbeitet, sammelt ihr Punkte – proportional zu eurem Einkommen im Verhältnis zum deutschen Durchschnittsverdienst. Wer genau so viel verdient wie der Durchschnitt, bekommt exakt einen Entgeltpunkt pro Jahr. Wer doppelt so viel verdient, bekommt zwei. Wer nichts verdient, bekommt keinen.
Seit Juli 2025 ist ein Entgeltpunkt 40,79 Euro monatliche Rente wert. Das klingt wenig, aber es addiert sich: Wer über 35 Arbeitsjahre im Schnitt einen Punkt pro Jahr sammelt, bekommt gut 1.400 Euro Rente im Monat. Wer durch Elternzeit und Teilzeit fünf Punkte weniger sammelt, bekommt dauerhaft 200 Euro weniger – jeden Monat, bis zum Tod.
Die Rentenlücke ist die Differenz zwischen den Punkten, die ihr bei Vollzeitarbeit gesammelt hättet, und denen, die ihr tatsächlich sammelt. Elternzeit und Teilzeit danach sind die zwei grössten Lückentreiber für Elternpaare.
Was Kindererziehungszeiten ausgleichen – und was nicht
Der Staat hat das Problem erkannt und begegnet ihm mit Kindererziehungszeiten. Für jedes nach 1992 geborene Kind werden dem betreuenden Elternteil 36 Monate lang Rentenpunkte gutgeschrieben – so als hätte diese Person das Durchschnittseinkommen verdient. Das sind rund drei Entgeltpunkte pro Kind, also etwa 122 Euro mehr Rente pro Monat, lebenslang.
Das klingt grosszügig. Es ist auch besser als nichts. Aber es gleicht die Rentenlücke in den meisten Fällen nicht vollständig aus, und zwar aus drei Gründen.
Erstens gelten die Kindererziehungszeiten nur für 36 Monate. Wer danach jahrelang in Teilzeit arbeitet, sammelt weiterhin weniger Punkte als in Vollzeit – ohne weiteren Ausgleich vom Staat.
Zweitens profitieren davon nur diejenigen vollständig, die vorher nicht überdurchschnittlich verdient haben. Wer mehr als den Durchschnitt (2026: rund 48.000 Euro im Jahr) verdient, hätte in dieser Zeit ohne Kind mehr Punkte gesammelt, als die Erziehungszeit gutschreibt. Der Ausgleich ist also partiell.
Drittens bekommt pro Monat nur ein Elternteil die Kindererziehungspunkte. In den meisten Paaren gehen sie an die Mutter. Dass sie dem anderen Elternteil zugeordnet werden können, wissen viele nicht. Wer das lohnt und wie es beantragt wird, steht ausführlich in Rentenpunkte für Kindererziehung.
Die eigentliche Falle: Teilzeit nach der Elternzeit
Die meisten Gespräche über Rentenlücken drehen sich um die Elternzeit selbst. Das sind zwölf, vierzehn, vielleicht sechzehn Monate, in denen man nicht arbeitet. Schlimm, aber überschaubar.
Die grössere Lücke entsteht danach. In Deutschland arbeiten nach der Elternzeit rund 64 Prozent der Mütter in Teilzeit – und das oft für viele Jahre. Wer von 60.000 Euro Jahresbrutto auf 60 Prozent reduziert, sammelt statt 1,25 Entgeltpunkten pro Jahr nur noch 0,75. Der Verlust pro Jahr: 0,50 Entgeltpunkte, das sind 20 Euro monatliche Rente. Pro Jahr Teilzeit. Wer das vier Jahre macht, verliert 80 Euro monatliche Rente – zusätzlich zur Elternzeit-Lücke, und ohne dass die Kindererziehungszeiten noch helfen.
Jetzt das gleiche Beispiel mit sechs Jahren Teilzeit: 120 Euro weniger pro Monat, für immer. Bei einem Rentenbezug von 20 Jahren sind das 28.800 Euro, die komplett fehlen.
Warum die Lücke im Paar fast immer ungleich verteilt ist
Statistisch nimmt in Deutschland die Mutter durchschnittlich 13 Monate Elternzeit, der Vater 3,4 Monate. Danach arbeitet sie häufig in Teilzeit, er meistens nicht oder kaum. Das bedeutet: Die Rentenlücke durch Elternschaft akkumuliert sich in den meisten Paaren fast vollständig auf einer Seite.
Das ist kein Vorwurf, sondern ein Problem. Denn wenn beide 65 werden, sitzen beide am gleichen Tisch, aber mit sehr unterschiedlichen Rentenansprüchen. Im Schnitt haben Frauen in Deutschland eine Rente, die rund 40 Prozent unter der ihrer männlichen Partner liegt. Ein erheblicher Teil dieser Lücke entsteht durch Kinder.
Was das für euch konkret bedeutet, hängt an euren Zahlen. Deshalb lohnt es sich, das oben durchzurechnen: nicht für eine Person, sondern für beide. Erst dann sieht man, wie gross die Schieflage tatsächlich ist – oder eben nicht.
Was ihr konkret dagegen tun könnt
Die gute Nachricht: Es gibt echte Stellschrauben. Keine davon ist ein Wundermittel, aber zusammen können sie den Unterschied zwischen einer kleinen und einer grossen Rentenlücke ausmachen.
Elternzeit fairer aufteilen
Der direkte Weg, die Lücke zu verkleinern, ist eine ausgewogenere Aufteilung der Elternzeit. Wenn der Partner mit dem höheren Einkommen mehr Monate nimmt, verliert nicht automatisch die andere Person alle Entgeltpunkte, und die KEZ können bewusster zugeordnet werden. Wie das in der Praxis aussieht und was es finanziell bedeutet, zeigt der Leitfaden Elternzeit aufteilen: 5 Modelle für Paare.
Kindererziehungszeiten gezielt zuordnen und beantragen
Das ist der am häufigsten verpasste Schritt: Kindererziehungszeiten kommen nicht automatisch auf das richtige Rentenkonto. Ihr müsst sie aktiv beantragen – und entscheiden, wem von euch sie gehören.
Standardmässig schreibt die Rentenversicherung die Zeiten der Mutter gut. Ihr könnt sie gemeinsam dem anderen Elternteil zuweisen. Das lohnt sich, wenn dieser Elternteil insgesamt weniger Rentenpunkte sammelt, also genau die Person, die wegen Elternzeit und Teilzeit die grössere Lücke aufbaut.
Die Zwei-Monats-Falle: Die Zuweisung an den Vater wirkt nur für die Zukunft plus zwei Kalendermonate rückwirkend. Das ist eine absolute Ausschlussfrist ohne Ausnahme. Wer zu spät entscheidet, bei dem bleiben die vergangenen Monate dauerhaft bei der Mutter.
Private Altersvorsorge gezielt auf die Person mit der Lücke lenken
Wenn ihr beide in die Altersvorsorge einzahlt, sollte das Geld überproportional zur Person fliessen, die die grössere Lücke aufbaut. Das bedeutet konkret: Wenn Person 1 wegen Teilzeit weniger einzahlt, gleicht die Person 2 das aus dem gemeinsamen Haushaltseinkommen aus – in einem Riester-Vertrag, einer betrieblichen Altersvorsorge oder einer Basis-Rentenversicherung für Person 1.
Riester lohnt sich dabei besonders für diejenigen mit niedrigem Einkommen in der Elternzeit: Die staatliche Grundzulage (2026: 175 Euro pro Jahr) plus die Kinderzulage (300 Euro pro Kind) können einen grossen Teil des Beitrags abdecken. Wer nur 4 Prozent des Vorjahreseinkommens einzahlt (Mindesteigenbeitrag), bekommt die vollen Zulagen.
Freiwillige Rentenbeiträge prüfen
Wer in der Elternzeit keine Pflichtbeiträge zahlt, kann freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Das ist nicht für jeden sinnvoll, aber für diejenigen, die die Wartezeiten für bestimmte Rentenleistungen noch nicht erfüllt haben (etwa für die Erwerbsminderungsrente), kann das eine günstige Absicherung sein. Die Deutsche Rentenversicherung berät dabei kostenlos.
Betriebliche Altersvorsorge auch in Teilzeit weiterführen
Wer Teilzeit arbeitet, hat weiterhin Anspruch auf Entgeltumwandlung in die betriebliche Altersvorsorge. In manchen Unternehmen zahlt der Arbeitgeber dabei einen Zuschuss (seit 2022 Pflicht bei Neuverträgen: 15 Prozent). Auch wenn das Gehalt sinkt, sollte die bAV – zumindest in kleinerem Umfang – weiterlaufen, weil der Arbeitgeberzuschuss ein direkter Vorteil bleibt.
Ein Beispiel durchgerechnet: Anna und Markus
Anna und Markus verdienen beide 60.000 Euro brutto im Jahr. Anna nimmt 14 Monate Elternzeit und arbeitet danach vier Jahre auf 60 Prozent. Markus nimmt zwei Monate Elternzeit und arbeitet dann wieder Vollzeit.
Anna verliert in der Elternzeit (14 Monate) und nach Abzug der Kindererziehungszeiten rund 0,7 Entgeltpunkte. In den vier Jahren Teilzeit kommen weitere 2,0 Punkte hinzu. Gesamt: rund 2,7 Entgeltpunkte weniger, das sind über 110 Euro weniger Rente pro Monat – lebenslang.
Markus verliert durch seine zwei Monate Elternzeit (nach KEZ-Abzug) fast nichts.
Die Differenz im Paar: über 110 Euro monatliche Rente, für immer. Bei 20 Jahren Rentenbezug: mehr als 26.000 Euro, die nur bei Anna fehlen. Wenn sie das nicht aktiv ausgleichen – durch Umverteilung in der Vorsorge, durch einen anderen Aufteilungsschlüssel bei der Elternzeit oder durch eine faire Zuweisung der Kindererziehungszeiten – ist diese Lücke dauerhaft.
Was ihr als nächstes tun könnt
Rechnet eure konkreten Zahlen oben durch. Dann entscheidet: Wer nimmt die Kindererziehungszeiten? Wie wird die private Vorsorge aufgeteilt? Diese zwei Entscheidungen kosten keinen einzigen Euro extra und können die Lücke deutlich verkleinern. Den grossen Überblick über alles rund um staatliche Leistungen findet ihr im Finanzen-Leitfaden. Und wer noch nicht weiss, wie viel Elterngeld bei verschiedenen Aufteilungsmodellen herauskommt, rechnet das im Elterngeld-Rechner für Paare durch.
Dieser Artikel gibt allgemeine Orientierung und ersetzt keine Rentenberatung. Der Rentenwert und das Durchschnittsentgelt ändern sich jährlich. Die tatsächliche Rentenhöhe hängt von eurem gesamten Versicherungsverlauf ab. Verbindliche Auskunft gibt die Deutsche Rentenversicherung, kostenlose Beratung unter 0800 1000 4800. Stand 2026.